DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI

Ich habe gerade neulich in einer Zeitschrift gelesen, dass Weihnachten im letzten Jahr unter einem anderen Stern stand. Und auch ich habe gemerkt, dass mir das Schenken und Geschenktbekommen irgendwie sinnlos erschienen ist. Wir sind einfach so gesättigt. Übersättigt. Und deswegen muss ich heute einfach klarschiff machen. Wenn ihr also heute einfach nur gute Laune habt und euch nicht weiter Gedanken machen wollt, dann klickt diesen Beitrag schnell weg. Denn jetzt kommt die volle Packung Wahrheit auf den Tisch und wer noch nicht gemerkt hat, dass momentan einiges schief läuft, den werde ich unsanft aus dem Dornröschenschlaf wecken.

Langsam merken wir es immer mehr: die fetten Jahre sind vorbei. Aus dem Dornröschenschlaf aufgewacht, merkt man, dass Geben seliger ist denn Nehmen.

Womit fange ich am Besten an? Wann und wie beginnt das Erwachen? Ich bin mir nicht mal sicher, ob es bei uns in unserer westlichen, konsumorientierten Welt komplett ankommen kann. Denn unser Leben ist so an das Übermaß gewöhnt und danach ausgerichtet. Ich merke es bei dem Fleischkonsum, der tagtäglich ein Thema ist. Es ist fast so, als würde es für die meisten im Grundgesetzbuch stehen, dass sie ihre tägliche Ration Tierkadaver brauchen. Ich frage mich, warum sich der Mensch so schwer damit tut, überwiegend auf Fleisch zu verzichten? Dass die Tiere die absolut Leidtragenden dabei sind, brauche ich hoffentlich niemandem zu erklären. Für die Wirtschaft sind gesunde Tiere nicht erträglich genug. Nah am Tode werden sie gehalten, damit sie möglichst effizient sind und dann gequält, mit Antibiotika und voller Angst im Fleisch auf unserem Teller landen? Ihr findet meine Ausdrucksweise zu drastisch? Nun ja, es ist aber die Wahrheit.

Seit dem Sommer ist die Flüchtlingswelle bei uns angekommen. Ein Thema, das unsere westliche Welt komplett ignoriert hat, bis es heftig an der Haustür klopfte. Gerade unser Land ist geprägt durch den 2. Weltkrieg und Fremdenhass und man hatte das Gefühl, dass sehr viele darauf bedacht waren, nun nicht wieder die Fehler der Vergangenheit zu machen. Willkommenskultur wurde groß geschrieben und die Menschen mit Schokolade und Obst willkommen geheissen. Aber wie ist es nun sechs Monate nach der Euphorie und dem Motto: „Wir schaffen das“? Die Stimmung kippt. 60% der Deutschen glauben nun nicht mehr, dass es schaffbar ist. Seit Silvester müssen sich unzählige Flüchtlinge von den Übergriffen auf Frauen distanzieren. Ich merke bei Facebook, wie muslimische Freunde sich wieder anders in diesem Land fühlen. Wie ein Unterschied gemacht wird, ob in Paris oder der Türkei ein Attentat passiert. Und wie ich zwar viele Flüchtlinge in den Bahnen sehe, sie im Alltag aber so gut wie verborgen bleiben. Wo sind sie die neuen Mitbürger? Ich sehe sie nicht in den gleichen Cafés, nicht in den Büros und nicht in unseren Straßen. Schaffen wir hier wieder eine Zweiklassengesellschaft, vor der wir uns fürchten müssen? Muss ich jetzt Angst als Frau haben? Und wie kann ich bei der Integration helfen, wenn ich doch einen Alltag zu bewältigen habe? Fragen, die die Politik derzeit nicht zu beantworten weiss. Und dennoch weiss ich, dass ich auf keinen Fall verzweifelte Menschen sehen will, die lieber den Tod durch Ertrinken in Kauf nehmen und vor einen Krieg flüchten, den wir mit verursacht haben.

Sind wir alle so blind?

Wenn ich durch die Einkaufspassagen gehen, dann sehe ich an der Seite überall Menschen sitzen, die nicht so viel Glück hatten wie wir. Lassen wir einfach unkommentiert stehen, was passiert sein muss, damit es soweit kommt und dass es sicherlich auch Anlaufstellen gibt, wo man sich Hilfe holen kann. Aber wie schlimm muss es sein, wenn man als einzige Perspektive ein Leben auf der Straße hat? Alleine und in der Kälte. Niemanden, der den eigenen Weg begleitet, stattdessen nur viele Beine von Passanten, die an einem vorübergehen?

Was passiert mit unserer Welt, wenn an den Küsten von holländischen und deutschen Inseln Wale angeschwemmt werden? Jene majestätischen Tiere, die in unserem Leben kaum eine Rolle spielen, aber um die es so gut ist zu wissen. Was wäre das für ein Leben, wenn es diese Riesen nicht mehr gäbe? Nur weil wir ihren Lebensraum ausbeuten und vor nichts und niemanden Respekt haben. Was ist mit Indonesien und den Orang Utans, die uns so ähnlich sind? Dieses Thema findet kaum Beachtung in den Medien. Nur weil sie nicht sprechen können? Der Regenwald wird abgebrannt für Soja- und Palmölplantagen und uns interessiert es einen Dreck. Eisbären verhungern langsam, weil sie nicht mehr übers Eis gehen können, um zu jagen. Das große Artensterben beginnt und uns interessiert es einen feuchten Furz.

Ich bin momentan so wütend und so machtlos und genau dieses Gefühl will ich nicht haben. Der Egoismus, der uns anerzogen wurde, ist der letzte Rotz. YOLO. You only love once. Ja, stimmt. Aber nach uns kommen weitere Generationen und wir haben etwas sehr wertvolles weiterzugeben und zu schützen.

Um jetzt diesen Beitrag nicht so elendig ausklingen zu lassen, muss ich sagen, dass es auch Hoffnung gibt. Ich bemerke ein Umdenken, es gibt viele Leute, die vom Kuchen nicht nur eine Scheibe abhaben wollen sondern die auch teilen können – und um bei der Kuchenmetapher zu bleiben: die auch bereit sind, neu zu backen. Wir brauchen keine Resignation und Verzweiflung sondern Tatendrang und Entschlossenheit, um diese Dinge anzugehen. Wenn die Politik versagt, sind wir in der Pflicht, nicht untätig zu sein. Jeder kleine Schritt in eine bessere Richtung kann diese Welt verändern. Und wenn wir nicht zögern und uns vor Veränderung fürchten, dann sind die großen Schritte in jedem Fall besser. Angst lähmt und diese Welt verändert sich ständig, also brauchen wir uns vor Neuem nicht unbedingt zu fürchten.

Ich werde hier an den nächsten Wochenende versuchen, euch vielleicht kleine Anregungen zu geben, die mir helfen, mich von seelischem Ballast zu befreien. Diesen Sonntag habt ihr schon mal angefangen, weil ich es geschafft habt, euch durch diesen Beitrag zu kämpfen. Und vielleicht habt ihr ja schon ein paar Gedanken dazu?

xxbina


  1. Ninni

    18 Januar

    Liebe Bina, Du hast absolut Recht mit allem was Du sagst.
    Dennoch mache ich mir große Sorgen um die zukünftige Sicherheit meiner Kinder, v. a. meiner Tochter. Ich wünsche mir, dass sie weiterhin in einem Land leben kann, in dem man als Frau tragen und sich bewegen kann wo, wann und wie man will. Grüße, Ninni von ninniaufdemdorf.com

    • Bina

      18 Januar

      Um Gottes Willen, das steht für mich ausser Frage. Für diese (eigentlich selbstverständlichen) Privilegien sind unsere Großmütter und Mütter auf die Straße gegangen. Dass Frauen auf jeden Fall gleichberechtigt sind und nicht bedrängt und belästigt werden dürfen, ist für mich absolut klar. Ich möchte mich durch keinen Mann dieser Welt einschränken müssen. Aber ich glaube, dass es hier nicht reicht, sich nur Sorgen zu machen. Man muss sich überlegen, wie man das Problem bei der Wurzel bekämpft. Und da denke ich, dass Integration und Verständnis für unsere Lebensart wichtig sind.

  2. Madeleine

    18 Januar

    Mein lieber Mann, ich kann einfach nur sagen: Wow, Bina! Der Beitrag ist so tiefgründig und auf den Punkt gebracht und ich finde toll, wie du an die Themen rangehst. Und du sprichst mir und vermutlich vielen aus der Seele. Man fühlt sich ohnmächtig, liest jeden Tag nur Schreckensnachrichten und hat das Gefühl, seine alte heile Welt irgendwo verloren zu haben. Innerhalb eines Jahres ist so viel passiert, wir erleben wie unsere Welt sich so extrem verändert. Es macht Angst. Manchmal überlege ich auch auf meinem Blog darüber zu schreiben, aber habe manchmal Angst, anzuecken, bzw. habe ich eigentlich um mich rauszuhalten bewusst einen Modeblog angefangen, ohne politische oder schwierige Themen. Ich lese gern darüber auf Blogs, verstehe aber auch wenn jemand nicht über so etwas schreibt.

    Jedenfalls finde ich großartig, dass du keines der oberflächlichen Modepüppchen bist, sondern reflektiert durchs Leben gehst. Und du schreibst so dass man gerne liest.

    Übrigens finde ich dein neues Layout echt super. 🙂

    Viele liebe Grüße
    Madeleine
    http://maracujabluete.com/

    • Bina

      18 Januar

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar, freue mich gerade sehr über deine Worte und freue mich, dass es anderen anscheinend auch so geht und man nicht komplett alleine ist mit der Verzweiflung. Ich hatte mir anfangs auch vorgenommen, nur seichtere Themen zu behandeln, aber ich merke an mir, dass mir das Weltgeschehen und Politik immer wichtiger wird und man es anlässlich der Umstände nicht ganz ausblenden kann. Ausserdem erreicht man über so ein Medium eine andere Zielgruppe, die sich vielleicht noch nicht mit solchen Fragen auseinander gesetzt hat und es nun tun kann. Aber wie du gesagt hast, die Entscheidung ist natürlich jedem selbst überlassen. Aber ich persönlich freue mich immer am meisten, wenn solche Beiträge gelesen werden und solche Kommentare, die deines darunter finde!

  3. Sophie

    18 Januar

    Endlich spricht mir mal jemand aus der Seele! Wirklich ein ganz bezaubernder Beitrag liebe Bina. Bitte mehr davon in Zukunft. Ich mag deine kritischen Blog Posts sowieso immer sehr gerne, da du dich sehr gut auszudrücken weißt. Bei mir würde vermutlich nur Rumgepoltere rauskommen. Deshalb versuche ich diese Themen auch immer aus meinem Blog rauszuhalten, da sie mich immer sehr wütend und aufgewühlt hinterlassen und es mir immer schwer fällt mich dann richtig auszudrücken. Das merke ich auch immer wenn ich mit Familie und Freunden über diese Themen diskutiere. Ich finde es jedenfalls klasse, dass du darüber schreibst und hoffentlich viele Leute zum nachdenken gebracht hast!

    Liebste Grüße,
    Sophie
    http://basicapparel.de

    • Bina

      18 Januar

      Ich habe bei mir auch immer das Gefühl, dass ich meine Gedanken bei solchen Beiträgen nicht richtig sortieren kann und da ganz schön diffuses Zeig bei rauskommt. Aber ich freue mich, wenn es anscheinend doch nicht ganz so schlimm ist und noch mehr freut es mich, dass du dir auch solche Gedanken machst. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar – das bedeutet mir sehr viel.

  4. Valerie

    21 Januar

    Ein wunderbarer Post – vielen Dank für’s Aufschreiben dieser Gedanken, es geht mir genaus so. Ich freue mich, Deine weiteren Anregungen zu lesen! Herzlich

    • Bina

      23 Januar

      Und dir dank ich für dein Feedback und dass du meinen Beitrag gelesen hast. Ab jetzt wird es vermehrt solcher Artikel geben.

  5. *thea

    21 Januar

    Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin manchmal richtig blockiert von allem, was so um uns herum passiert. Aber du hast recht – und das habe ich ja auch schon in mehreren nachdenklicheren Beiträgen geschrieben – jammern hilft nicht. Es sind die kleinen Schrittte! Ich schaffe es auch nicht komlplett fair und umweltfreundlich zu konsumieren aber habe im letzten Jahr schon viel umgedacht und umgestellt – und versuche auch mein direktes Umfeld ohne zu missionarisch zu sein – zu inspirieren. Und zur politischen Situation muss man einfach sagen: wir waren einfach so lange in Eurpoa in einem Dornröschenschlaf, dass es die ganze Welt hinnimmt, dass wir im Wohlstand schwimmen und andere immer noch die Folgen unser Kolonialpolitik und umweltzerstörerischen Industrialisierung spüren müssen. Diese Völkerwanderung haben wir ja auch mit ausgelöst – gewünscht habe ich mir das auch nicht – aber mit ein bisschen Anstand und Humanität zu versuchen die Situation zu meistern, ist wohl das einzige was für mich übrig bleibt. So – jetzt bin ich wieder ausgeschweift – du siehst du hast da einen Nerv getroffen! Trotzdem einen schönen Start in ein neues Jahr!

    • Bina

      23 Januar

      Ich finde deinen Kommentar ganz wunderbar und es ist auch richtig, dass man endlich mal bei den Leuten auf einen Nerv trifft. Wir haben einfach alle viel zu lange weggesehen. Jetzt hilft nur noch Aktionismus von jedem, um diese Welt wenigstens ein kleines bisschen zu verbessern. Ich bin sehr froh, dass du auch solche Gedanken hast. Genau deswegen lohnt es sich, solche Artikel zu schrieben. Vielen, vielen Dank dafür.

  6. Jana

    22 Januar

    Hallo Bina,

    ich finde es wunderbar, dass auf deinem Blog eben auch solche Themen erwähnst.
    Ich muss sagen, ich habe sogar ein bisschen Angst vor den nächsten Monaten. Viele Kindheitsfreunde liken auf einmal rassistische Hetze bei FB, überhaupt bekommt der „rechte Rand“ immer mehr Zuspruch. In ein paar Monaten sind in drei Bundesländern Wahlen. Ich hab Angst, vor dem Ergebnis.

    Ebenso die Ignoranz der meisten Menschen macht mich mittlerweile richtig wütend. Die ersten Schritte in ein nachhaltiges Leben sind so einfach und trotzdem machen es viele nicht aus Bequemlichkeit.

    Umso froher bin, dass es intelligente Menschen wie dich gibt, die erkannt haben, dass sich ganz schön was ändern muss. Und toll, dass du die dir zukommende Aufmerksamkeit nutzt, um darauf aufmerksam zu machen. DANKE!

    Lieben Gruß,
    Jana

    worteplustaten.wordpress.com

    • Bina

      22 Januar

      Vielen Dank, liebe Jana. Es freut mich sehr, dass dir mein Artikel gefällt und du ihn gelesen hast. Ich bin auch gespannt auf die Ergebnisse der Wahlen und ich kann null nachvollziehen, wie wir uns schon wieder in Richtung einer Zweiklassengesellschaft bewegen. Irgendwie scheint der Mensch nie dazuzulernen. Deswegen muss man auch immer seine Stimme erheben, um vielleicht wenigstens ein paar Leute zu erreichen. Ich wünsche dir trotzdem ein schönes Wochenende.

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