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HAMBURG, MEINE PERLE // WAS BLEIBT NACH G20?

HAMBURG, MEINE PERLE // WAS BLEIBT NACH G20?

Eigentlich wollte ich heute einen normalen Blogbeitrag schreiben. Beauty stand auf meiner Agenda. Aber es geht nicht. Ich fühle mich, als hätte ich einen Kater. Einen schalen Geschmack im Mund und weiss nicht mal, ob ich die Berechtigung dazu habe. Es werden alle mitbekommen haben: G20 in Hamburg. Schon seit Wochen wurde hier immer mal wieder ein größerer Polizeieinsatz geprobt und hat den Verkehrt lahmgelegt. Wir haben uns alle darauf eingestellt, dass G20 „nervig“ wird. Vielleicht auch, dass es Krawalle bei einigen Demos geben kann. Aber das Ausmaß dessen, was da am Wochenende passiert ist, konnte man sich so nicht vorstellen. Hamburg, meine Perle, du bist vielleicht keine Weltstadt, hast aber trotdem die großen der Weltpolitik zu Besuch gehabt. Und du hast die größten Krawalle überlebt, an die man sich erinnern kann. Was bleibt uns nun von G20?

Als Hamburgerin fühle ich mich heute schlecht. Und deswegen möchte ich zu den Geschehnissen am Wochenende noch ein paar Worte loswerden.

Am Donnerstagmorgen rief meine Mutter mich an und fragte mich, ob ich schon was vo, G20-Gipfel mitbekäme. Ich verneinte dies noch, als mir schon das Kreisen der Helikopter auffiel. Beim Kaffee-Date am Mühlenkamp wurde uns das erste Ausmaß durch das extreme Verkehrschaos bewusst. Einige Leute brauchten mehrere Stunden, bis sie überhaupt nur ansatzweise in die Nähe ihrer Wohnungen kamen. Andere liessen ihre Autos lieber gleich stehen und traten den Heimweg zu Fuß an.

Trump residierte an der Alster. Nur fußläufig von uns entfernt. Ansonsten liegt unsere Wohnung nicht in einer der Stadtteile, die es so schlimm getroffen hat. Denn mit der Demo „Welcome to hell“ ging alles los. Erst waren noch die Polizisten die gemeinen Unruhestifter und auf den sozialen Medien wurden die Ordnungshüter angeklagt. Unberechtigte Polizeigewalt gegen Demonstranten. Wer das weitere Geschehen beobachtete, änderte aber schnell seine Meinung. Wer heute den vielen Beamten nicht dankbar ist, dass sie für uns ihren Kopf hingehalten haben, dem ist nicht mehr zu helfen.

Nach diesem Wochenende habe ich ein großes Bedürfnis, den vielen Einsatzkräften, zu danken.

Denn schnell bildete sich bei der Demo am Donnerstag der „Schwarze Block“. Absolut organisiert war das Verhalten, der linksextremistischen Demonstanten. Unter der schwarzen Bekleidung, trugen sie farbige Shirts und konnten so von Antifa zu Zivilist innerhalb von Sekunden wechseln. Nach ersten Ausschreitungen wurde es dann richtig häßlich. Kleinere Gruppen zogen durch Hamburger Stadtteile und richteten ein Pfad der Verwüstung an. Autos wurden wahllos angezündet, Scheiben eingeschlagen und Bürger in Angst und Schrecken versetzt. Nicht nur dass viele um ihr Eigentum fürchten musste – Kinder sahen sich diese Szenen der Zerstörungswut an und werden es sicherlich immer noch nicht begreifen können.

Am nächsten Tag gipfelten die Exzesse in einer Besetzung der Schanze. Einem Viertel, das viele Hamburger für die liberale Einstellung schätzen und sich hier am Wochenende in den vielen Restaurants und Bars vergnügen. Hier steht auch die Rote Flora, die seit jeher besetzt wird von der linken Szene. Bei den 1. Mai Krawallen ist die Schanze bereits einiges gewöhnt, aber diesen Samstag überstieg das Geschehen jegliche Erwartungen. Die Polizisten wurden mit Steinen, Böllern und Molotow-Cocktails beschmissen. Geschäfte wurden demoliert und geplündert. Gehwege zerstört. Selbst die hartgesottenen Anwohner der Schanze waren fassungslos.

Ich versuche hier, das Geschehene zusammenzufassen und dennoch begreife ich es noch nicht in der ganzen Tragweite.

Ich wohne nicht in der Schanze. Nicht mal in unmittelbarer Nähe und dennoch hatten auch wir Sorge, ob der „Schwarze Block“ auch noch bei uns durch die Straßen zieht. Während wir einigermaßen entspannt draußen sitzen konnten, ging es ein paar Bahnstationen weiter richtig ab. Natürlich haben wir alles in den Nachrichten verfolgt und wenn unsere Romy nicht noch so klein wäre, wären wir auch sicher zu einer der friedlichen Protest-Demos gegangen. Aber nach dem Wochenende frage ich mich, ob Familien überhaupt noch sicher an solchen Veranstaltungen teilnehmen können.

Ich habe mir auch einige Videos, die Polizeigewalt festhalten sollen, angesehen. Konnte aber stattdessen nur viel Provokation auf der Seite einiger Demonstanten sehen. Natürlich ist nicht jedes Verhalten der Polizisten zu rechtfertigen, aber ich hege größten Respekt vor dem Einsatz am Wochenende. Einem Poizisten wurde Face-to-Face entgegengeschrien, dass wir ja hier nicht in der Türkei seien. Nein, du Dummbatz, sind wir nicht. Wir haben hier die Demonstationsfreiheit, die eben auch durch die Polizei erst gewährleistet wurde. Und in der Türkei wärst du sofort weggesperrt worden. Warum können wir hier nicht die demokratischen Werte friedlich leben?

Durch dieses dumme Verhalten einer Minderheit sind viele tolle Proteste und das eigentliche Geschehen auf dem Gipfel in den Hintergrund gerückt. Was bleibt uns Hamburgern nun nach dem Wochenende? Eine Vielzahl von Leuten hat die Schanze bereits am Sonntag weitesgehend aufgebaut. Und nun wird politisch diskutiert, ob linke Zentren wie die rote Flora ganz dicht gemacht werden müssen. Hamburg hat einen Kater. Die nächste Party findet bitte woanders statt.

xxbina


  1. Sabine

    10 Juli

    Wunderbar geschrieben , danke Bina

  2. Fee

    10 Juli

    Super geschrieben, ich bin auch immer noch fassungslos, was da passiert ist…
    Und ich bin auch ganz klar auf der Seite der Polizei!

    Alles Liebe,
    Fee

  3. *thea

    11 Juli

    Ich schicke euch liebe Grüße nach Hamburg! Unfassbar – für diese schwarze Block Typen mit ihrer Scheinheiligkeit, politischen Widerstand auszuübeen aber eigentlich nur die Sau rauslassen und ihre niederen Instinkte bedienen wollen habe ich kein Verständnis. Um keinen Deut besser als die Trumps und Erdogans dieser Welt. Und das schlimmste daran ist, dass den Menschen, die friedlich in unserer Demokratie demonstrieren wollen, die Stimme genommen wurden, weil gehört hat sie an diesem Wochenende keiner mehr.

    • Bina

      11 Juli

      Ja, du hast es damit auf den Punkt gebracht. Alles völliger Unsinn. Absolute Idiotie und niemand achtet mehr auf die wesentlichen Dinge… Einfach traurig.

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