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#METOO // WARUM SEXUELLE BELÄSTIGUNG KEINE LAPPALI...

#METOO // WARUM SEXUELLE BELÄSTIGUNG KEINE LAPPALIE IST

Natürlich verfolge ich schon länger die Stories hinter dem Hashtag #metoo. Und kaum jemand kommt wohl derzeit drumherum. Nach der Weinstein-Affäre, in die viele Hollywood-Stars involviert sind, ist sexuelle Belästigung in aller Munde. Die einen freuen sich, dass diesem Thema endlich so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die anderen sind mittlerweile schon vom Hashtag und den Geschichten von schlimmen und weniger schlimmen Übergriffen genervt. Gerade habe ich in einer Zeitschrift gelesen, dass #metoo bereits mit der #icebucketchallenge verglichen wird. Und noch viel trauriger: wiederum andere machen sich lustig und verharmlosen die vielen Geschichten unzähliger Frauen, die Opfer geworden sind. Ich wollte euch heute nicht nur meine persönliche Geschichte zu #metoo erzählen, ich wollte vorallem rausfinden, warum wir so schnell von Themen genervt sind, anstatt Dinge konstruktiv anzugehen, für sie einzustehen und sie zu ändern.

Unter dem Hashtag #metoo möchte ich euch heute meine persönliche Geschichte über sexuelle Belästigung berichten.

Ich habe mich, nachdem ich den Bericht in der Zeitschrift gelesen habe, gefragt, warum sich Themen heutzutage so schnell abnutzen. Warum die meisten Menschen sich nur kurzzeitig mit schwerwiegenden Themen auseinandersetzen wollen, um dann schnellstmöglich wieder zum Alltagsgeschehen zurückzukehren. Wenn wir nicht hartnäckig bleiben und immer wieder auf Missstände hinweisen, wird sich nichts verändern. Das zeigt der Lauf unserer Geschichte. Wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die wieder und wieder ihre Geschichten über Ungerechtigkeiten erzählen, hätte es keine Verbesserung gegeben. Und genau diese Erkenntnis bringt mich dazu, auch meine Geschichte mit euch zu teilen.

Ich habe nicht eine große Geschichte, wo sich jemand gewaltvoll auf mich geworfen hat und ich kein Entkommen mehr sah. Aber ich habe viele „kleinere“ Übergriffe erfahren. Verbal und körperlich. Und ich schäme mich, dass ich in einigen Fällen diejenigen nicht zurechtgewiesen habe. Sondern in der Situation, in der ich mich befand, den leichteren Weg gewählt habe.

In Partynächten ist es öfters mal passiert, dass einem jemand zwischen die Beine oder an den Hintern gegriffen hat.

Während meiner Studentenzeit bin ich häufiger feiern gegangen. Auf offener Straße, wenn es sehr voll auf dem Kiez war, wurde einem schon gelegentlich an den Hintern oder zwischen die Beine gegriffen. Einfach so. Im Vorbeigehen. Und wenn man sich umdrehte, war von dem Täter nichts zu sehen. Geschweige denn, dass man in der Masse jemanden identifizieren konnte. Es war, als wäre es ein Volkssport der feierwütigen jungen Männer. Und es war einfach nur eklig und erniedrigend.

Solche Sachen sind auch in den Clubs und auf der Tanzfläche passiert. Ich kann nicht begreifen, warum jemand so etwas tut. Warum jemand meint, ein Recht darauf zu haben, den Körper eines anderen ungefragt zu berühren. Keinesfalls nett. Beschämend und entsetzlich.

Mein Chef machte mich zu seiner Anziehpuppe vor den Vertrieblern.

Als festangestellte Modedesignerin arbeitete ich in einem Unternehmen, das ein Denim-Label unter dem Dach hatte. Mein damaliger Chef, ein untersetzter Mann, der seine Minderwertigkeitskomplexe durch verbale Übergriffe auslebte, hatte mich zum neuen Jeansmodell auserkoren. Für mich keine Schmeichelei, eher fühlte ich mich in der Probezeit dazu genötigt, nicht auffällig oder schwierig zu werden. Also habe ich die blöden Jeans vor einer Runde von Vertrieblern anprobiert und vorgeführt. Und so habe ich mich auch gefühlt: vorgeführt. Es sind Sätze gefallen wie: Willst du nicht gleich an der Stange tanzen?

Meine Reaktion darauf ist so enttäuschend. Für mich und für alle anderen Frauen. Ich habe die Augen verdreht und sowas gesagt, wie „Sehr witzig“, dann die Zähne zusammen gebissen und diese Farce durchgezogen. Ich hätte die Person direkt anschauen und sagen müssen: Schon mal eine Anzeige wegen sexueller Belästigung gehabt? Dann hätte ich diese Veranstaltung abbrechen und hohen Hauptes die Räumlichkeiten verlassen müssen. Hätte. Sollte. Ich habe es nicht getan. Und eigentlich habe ich mich eher unwohl gefühlt. Ich glaube nicht, dass derjenige, der es gesagt hat, ein unwohles Gefühl dabei hatte. Er fand sich eher keck und witzig.

„Hey du mit dem Rock, willst du ficken?“

Die letzte sexuelle Belästigung, die mir widerfahren ist, war in diesem Jahr. Ich kam gerade von der Fashion Week in Berlin. Hatte ein Longsleeve und einen Rock, dazu derbe Boots an. Und selbst wenn ich bauchfrei, mit Netzstrumpfhose und mit Leuchtreklame auf der Stirn umhergezogen wäre, diesen Satz verdient niemand: „Hey du mit dem Rock, willst du ficken?“ Dieser Satz wurde mir in meinen Nacken gebrüllt, während ich mit einer Schar von Bahnreisenden auf dem Weg zum Bus war. Erst wurde mir heiss, dann kam die Wut. Das Einzige, was mir auf diesen Satz unter der Gürtellinie ein fiel: Hab bitte ein wenig mehr Respekt. Ich bin Mutter! Im Nachhinein finde ich es fast komisch, dass ich die Mutterkarte gezogen habe, aber in diesem Moment hielt ich es scheinbar für eine gute Idee.

Sein Freund schämte sich, doch dem dreisten Typen war es egal. Er meinte sogar noch, ich solle mich doch freuen. Auch auf meine zweite Bitte um mehr Respekt bekam ich keine angemessene Reaktion und natürlich auch keine Entschuldigung. Er fühlre sich im Recht. Und ich hingegen fühlte mich schlecht.

Sollte aus #metoo vielleicht ein #weall werden?

Letztendlich helfen diese Stories und der dazugehörige Hashtag, dass man über diese Vorfälle spricht. Beschämenderweise hat fast jede Frau solche Erfahrungen machen müssen. Natürlich sind wir nicht alle vergewaltigt worden, aber auch diese kleineren Übergriffe dürfen nicht verharmlost werden. Denn sonst werden sie weiter passieren. Aus dem #metoo ist doch eigentlich schon längst ein #weall geworden. Das muss aufhören. Und deswegen muss schon bei der Erziehung angefangen werden. Nicht Mädchen muss Vorsicht eingetrichtert, sondern Jungs beigebracht werden, dass dieses Verhalten einfach nicht geht. Wir sollten uns nicht schlecht fühlen, weil ein Mann nicht die Hände bei sich behalten kann – er muss sich schlecht fühlen. Und solange die Grenzen nicht zu 100% klar sind, müssen wir unsere Geschichten erzählen.

Ich bin mittlerweile die Mutter einer kleinen Tochter und ich möchte nicht, dass Romy irgendwann am Frühstückstisch sitzt und ebenfalls solche Geschichten erzählen kann. Im besten Fall ist sie nur mit leichten Collateralschäden davon gekommen. Kleinere Übergriffe auf ihren Körper und ihre Seele. Ich möchte nicht, dass sie in ihrer Jugend und Pubertät ängstlich und skeptisch durch diese Welt geht und denkt, dass das eben leider dazu gehört. Dafür muss aber eben diese Debatte geführt werden. Denn diejenigen, die diese Übergriffe wagen, müssen endlich ein Schuldbewusstsein entwickeln und verstehen, dass sie kein Recht haben, Frauen sexuell zu belästigen. Nie.

xxbina


  1. Linda

    31 Oktober

    Danke für diesen ehrlichen Beitrag von Dir. Ich denke es ist super wichtig über so etwas auch immer wieder zu sprechen, damit sich etwas im Kopf bei diesen Leuten ändern kann.
    Als ich vor Jahren in meinem Hausflur nachts von einem Mann bedrängt worden bin habe ich ihn am nächsten Morgen angezeigt. Die Polizistin die mich danach angerufen hat um noch einige Fragen zu klären hat mich gefragt was ich denn an diesem Aband angehabt hätte. Das fand ich schon etwas befremdlich…::

    • Bina

      31 Oktober

      Das finde ich sogar mehr als befremdlich. Vor allem wirst du so vom Opfer zur Mitschuldigen. Genau das ist das Problem an unserer Gesellschaft… Es tut mir sehr leid, dass du so eine Erfahrung machen musstest!

  2. Milex

    31 Oktober

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