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MEET MY NEW FRIEND ZARAH // EIN FLÜCHTLING AUS SYR...

MEET MY NEW FRIEND ZARAH // EIN FLÜCHTLING AUS SYRIEN

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Wer sich momentan nicht mit der Flüchtlingsthematik auseinandersetzt, hat entweder ein sehr dickes (und leicht ignorantes) Fell oder lebt nicht in einem europäischen Land. Fakt ist: es kommen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland. Und wir sind leider größtenteils uninformiert. Was passiert da eigentlich genau in Syrien? Und wie sind sie so – unsere neuen Nachbarn? Vorurteile und Distanz ist in der jetztigen Situation vollkommen fehl am Platz. Das denken sich auch immer mehr der vielen freiwilligen Helfer und so wurde am Samstag in Hamburg eine Willkommensfeier für die Flüchtlinge organisiert. Wie großartig, fanden wir. Endlich die Möglichkeit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und nicht nur Sachspenden abzugeben. Dort haben wir ein besonderes Mädchen getroffen und eine weitere Flüchtlingsgeschichte gehört.

Zarah ist ein 14jähriges Mädchen und bereits ein Flüchtling. Nur eine von vielen und ihre Augen leuchten, wenn man sich mit ihr unterhält und sie von ihrer Zukunft spricht.

Ich möchte euch diese Geschichte erzählen, weil sie ein Zugang zu einer uns unbekannten Welt ist. Wir können uns nicht annähernd vorstellen, was viele der Menschen in den Messehallen in Hamburg oder in den anderen Flüchtlingslagern durchgemacht haben. Und es ist einfach falsch, die Augen davor zu verschliessen und diesen Menschen, die jetzt offene Arme brauchen, den Rücken zuzukehren.

Wir kamen leider sehr spät auf dem Tschaikowskyplatz an, das Grillen begann bereits um 15:00 Uhr. Wir erreichten die Veranstaltung erst anderthalb Stunden vor Ende. Aber es  wurde noch gegrillt und gegessen, die Kinder kaperten ein Automobil auf einem Kinderspielplatz, aus Boxen tönte laute Musik und die Menschen tanzten und feierten. Die Kinder lachten. Und wir noch stocksteif in der Mitte und mit einem Couscous-Salat beladen. Den gaben wir erst mal bei der Grillstation ab, dann stürzten wir uns ins Getümmel und merkten gleich, dass die Sprachbarriere durchaus ein Hindernis darstellen kann.

Also unterhielten wir uns erst mit einer Helferin, die die Veranstaltung mit organisiert hat und zufälligerweise auch eine ehemalige Arbeitskollegin meines Freundes ist. Dann gesellten wir uns zu einer Gruppe, die einen Kreis gebildet hatte und in deren Mitte wild getanzt wurde. Aber immer noch kamen wir nicht wirklich ins Gespräch mit den Menschen. Mein Freund tat dann den ersten Schritt und sprach einen Mann im Vorbeigehen an, woher er komme. Dieser sprach kein Englisch und zeigte dann auf ein Mädchen, das mit ihrer Mutter und ein paar Frauen auf einer Bank saß.

Wir setzten uns dazu. Ihr Name ist Zarah, sie kommt aus Syrien und ist mit ihrer Familie den langen Weg über die Türkei nach Griechenland, durch weitere europäische Länder und dann weiter nach Deutschland geflohen. Dort wo sie herkommt, hatte sie Hühner, sie durfte englisch lernen und steckt meinen Freund und mich mit ihren Sprachkenntnissen locker in die Tasche. Sie ist erst 14 Jahre alt. Ausserdem spricht sie noch drei weitere Sprachen fliessend. Sie möchte später mal Ärztin werden, um anderen zu helfen. Ans Heiraten denkt sie nicht und sie glaubt an einen Gott, der alle Menschen liebt. Während sie spricht, leuchten ihre Augen. Sie ist so aufgeweckt, bescheiden und lieb, dass sie uns zu Tränen rührt. Wir fragen sie, wie es ihr hier geht. Sie ist glücklich hier zu sein, hofft auf eine bessere Zukunft und ist mit dem Essen und der Unterkunft in den Messehallen nicht unzufrieden. Wir können das kaum glauben. Als wir sie fragen, ob sie etwas braucht, verneint sie. Aber später sagt sie, sie würde sich über englische Bücher und ein Deutsch-Englich Wörterbuch freuen.

Die anderen Frauen sind auch interessiert. Sie gucken meinen Freund jedoch nicht direkt an, sie dürfen ihm auch nicht die Hand geben. Mir aber schon. Hier treffen zwei Kulturen aufeinander und Zarah befindet sich irgendwo  dazwischen. Irgendwo zwischen Tradition und neuer westlicher Welt. Sie möchte so gerne wieder zur Schule gehen. Die Ärzte haben ihr bei der Untersuchung schon neue Wörter beigebracht. Kopf, Hand, Mund, Fuß, Augen und Nase kann sie schon. Sie fragt nach neuen Wörtern. Wir bringen ihr “Willkommen” bei.

Zarah möchte unbedingt wieder zur Schule gehen. Sie möchte deutsch lernen – wie die meisten Flüchtlinge, die hier ankommen.

Zwischendurch gehen wir zu der Helferin und fragen, wie man die Menschen unterstützen kann. Die Frauen würden gerne mal wieder selbst kochen, wir könnten ihnen unsere Küche anbieten oder Ausflüge kann man organisieren. Es gibt viele Möglichkeiten. Aber eines ist immer gefragt: Zeit und offene Arme. Zuhören. Die Bereitschaft, diese Menschen wirklich kennenzulernen.

Wir sprechen noch ein wenig mit Zarah und wenn die anderen auch etwas erzählen oder fragen wollen, übersetzt sie geduldig. Wir verabreden uns mit ihr für den nächsten Tag, tauschen Handynummern aus und versprechen ihr, nach englischen Büchern zu gucken.

Am Abend sehen wir uns Dokumentationen über Syrien an. Wir wissen einfach zu wenig. Und sind von den Erkenntnissen schockiert.



Am nächsten Tag packen wir ein paar Bücher für Zarah und ein bisschen Malzeug für ihre Schwester ein. Wir setzten uns mit Zarah vor den Eingang der Messehallen und dort traf sie auch auf unseren Hund Sunny. Anfangs hatte sie Angst vor ihm und er bellte sie auch ein wenig an. Als sich beide aneinander gewöhnt hatten, war sie ganz fasziniert von ihm und wollte ihn am liebsten mit ins Lager nehmen.

Während wir uns auf der Treppe mit Zarah unterhielten, kamen immer mehr Neugierige zu uns, sie wollten Sunny streicheln oder ihn gleich am liebsten Gassi führen. Das war Sunny und mir dann aber doch nicht ganz geheuer. Einige wollten aber wenigstens die Leine für ein Foto halten, um es ihren Familien schicken zu können. Das ging.

Mein Freund unterhielt sich noch mit einem älteren Mann, der alleine nach Deutschland gekommen ist, seine Familie aber nachholen möchte. Er bat uns auch um ein Wörterbuch. Sonst wollten diese Menschen nichts haben, auch auf Nachfrage. Sie waren alle lieb, neugierig und bescheiden. Die einen forscher, die anderen skeptischer, manche verwundert, warum wir mit ihnen auf den Treppen vor der Messehalle saßen. Es war schön mit ihnen. Wir wollen mehr Zeit mit Zarah und ihrer Familie verbringen, aber dazu gehört auch Vertrauen, das der Mutter auf der Reise abhanden gekommen ist. Vielleicht können wir sie für das Wochenende zu einem gemeinsamen Ausflug überreden.

Zarah gab mir eine Umarmung zum Schluss und bezeichnet uns als neue Freunde. Vielleicht konnten wir ihr ein wenig zeigen, dass nun alles gut wird. Es ist das, was uns unsere Eltern immer gesagt haben. Das, was uns Selbstvertrauen und Hoffnung für diese Welt gegeben hat. Aber das, was diesem bemerkenswerten Mädchen wirklich helfen würde, wäre eine Unterkunft für sie und ihre Familie!*

xxbina

*Wer mit einer Unterkunft für sechs Personen aushelfen kann oder etwas weiss, der möge sich dringend an mich wenden. Ansonten bitte ich darum, euch umzuhören, diesen Beitrag zu teilen, oder was sonst noch helfen kann, um für Zarah und ihre Familie eine Bleibe zu finden. Vielleicht hilft dieser Beitrag auch einfach dabei, Vorurteile abzubauen und wir treffen uns alle mal vor den Messehallen.


  1. *thea

    25 August

    Danke für den tollen Text und die Geschichte von Zarah – ich werde den Beitrag teilen – denn wenn aus “die Flüchtlinge” Menschen mit Einzelschicksalen werden, wächst das Verständnis und die Willkommenskultur im Land, die so dringend nötig ist!

    • Bina

      25 August

      Dank dir für deinen lieben Kommentar! Das denke ich auch, wenn wir die Angst und die Vorurteile über den Erstkontakt überwinden, merken wir, dass wir alle Menschen sind. Es hat mir wirklich viel bedeutet, dieses Mädchen kennenzulernen und ich wünsche anderen auch, dass sie solche Erfahrungen machen dürfen.
      Liebst, Bina

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